{
    "title": "Gazastreifen: Gewalt, Vertreibung und humanit\u00e4re Blockade dauern trotz Waffenstillstand an",
    "modified_at": "2026-10-02 16:37:34",
    "published_at": "2026-10-02 16:37:00",
    "url": "https://msf-switzerland.prezly.com/gazastreifen-gewalt-vertreibung-und-humanitare-blockade-dauern-trotz-waffenstillstand-an",
    "short_url": "http://prez.ly/ADWd",
    "culture": "de_CH",
    "language": "DE",
    "slug": "gazastreifen-gewalt-vertreibung-und-humanitare-blockade-dauern-trotz-waffenstillstand-an",
    "body": "<p><strong>Fast ein Jahr nach Verk&uuml;ndung eines Waffenstillstandes im Gazastreifen ist die Lage weiterhin katastrophal. Es kommt nach wie vor zu Angriffen und Vertreibungen. Allein in den vergangenen zw&ouml;lf Monaten haben Teams von &Auml;rzte ohne Grenzen in mehr als 60 000 F&auml;llen Menschen mit Verletzungen behandelt, darunter solche, die durch gewaltsame Angriffe verursacht wurden.</strong></p><p style=\"text-align: left\">&laquo;Ein Waffenstillstand sollte eigentlich bedeuten, dass unsere Notaufnahmen nicht l&auml;nger mit Kriegsverletzten gef&uuml;llt sind. Das ist nicht der Fall,&raquo; sagt Valentine Burkart, Expertin f&uuml;r humanit&auml;re Krisen von &Auml;rzte ohne Grenzen.</p><p style=\"text-align: left\">Aufgrund der Besetzung von grossen Teilen des Gazastreifens durch die israelische Armee leben die Menschen auf nur noch rund 35 Prozent der Gesamtfl&auml;che.</p><p style=\"text-align: left\">&laquo;Ein Jahr nach dem sogenannten Waffenstillstand leben die Menschen nach wie vor unter Bedingungen, die sie krank machen. Das ist keine unvermeidbare Folge des Krieges, sondern das Ergebnis eines systematischen Abschn&uuml;rens lebensnotwendiger Versorgung&raquo;, so Burkart.</p><p style=\"text-align: left\"><strong>Viele Familien im Gazastreifen haben nur eine Mahlzeit pro Tag</strong></p><p style=\"text-align: left\">Nach wie vor behandeln die Teams von &Auml;rzte ohne Grenzen mangelern&auml;hrte Kinder sowie schwangere und stillende Frauen. Trotz einer gestiegenen Zahl von Lebensmittellieferungen in den Gazastreifen sind bestimmte Nahrungsmittel, die f&uuml;r eine ausgewogene Ern&auml;hrung und damit f&uuml;r die Genesung nach Krankheiten und Verletzungen wichtig sind, teuer und f&uuml;r viele Menschen unerschwinglich.</p><p style=\"text-align: left\">Die erlebte Gewalt hat zudem weitreichende psychische Folgen. Teams von &Auml;rzte ohne Grenzen beobachten, dass Angstzust&auml;nde, Schlafst&ouml;rungen und Selbstmordgedanken h&auml;ufig auftreten. Auch die Behandlung von Menschen mit chronischen Erkrankungen ist herausfordernd, da wichtige medizinische Lieferungen von den israelischen Beh&ouml;rden weiterhin systematisch blockiert werden &ndash; so wie insgesamt die Versorgungslage zur Aufrechterhaltung eines funktionierenden Gesundheitssystems weiterhin dramatisch ist.</p><p style=\"text-align: left\"><strong>Nur 4,5 Liter Trinkwasser pro Person und Tag</strong></p><p style=\"text-align: left\">Der Mangel an Motor&ouml;l und Ersatzteilen beispielsweise hat massive Auswirkungen auf Gesundheitseinrichtungen sowie die Wasserversorgung, Abwasser- und M&uuml;llentsorgung. Fehlendes sauberes Wasser und kaum funktionierende sanit&auml;re Einrichtungen tragen wiederum dazu bei, dass sich Atemwegsinfektionen, Haut- und Durchfallerkrankungen st&auml;rker ausbreiten.</p><p style=\"text-align: left\">Anfang Juli 2026 etwa, also mitten im Sommer, standen Menschen durchschnittlich nur 4,5 Liter Trinkwasser pro Person und Tag zur Verf&uuml;gung. Dies liegt deutlich unter dem humanit&auml;ren Mindeststandard. Allein in dem Monat haben Teams von &Auml;rzte ohne Grenzen mehr als 16 000-mal Menschen mit Hauterkrankungen wie Kr&auml;tze behandelt.</p><p style=\"text-align: left\"><strong>Zahl gewaltsamer Vorf&auml;lle im Westjordanland gestiegen</strong></p><p style=\"text-align: left\">Auch im Westjordanland sehen Mitarbeitende von &Auml;rzte ohne Grenzen sich stetig verschlechternde Lebensbedingungen f&uuml;r Pal&auml;stinenser:innen, darunter die deutliche Zunahme der Gewalt durch israelische Siedler:innen und das israelische Milit&auml;r. In der ersten H&auml;lfte des Jahres 2026 stieg die Zahl der Vorf&auml;lle im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 45 Prozent. Seit Anfang 2026 wurden im Westjordanland 79 Pal&auml;stinenser:innen, darunter 19 Kinder, von israelischen Streitkr&auml;ften oder Siedler:innen get&ouml;tet und mehr als 1800 verletzt.</p><p style=\"text-align: left\">Zugleich erh&ouml;ht der staatlich gef&ouml;rderte Ausbau israelischer Siedlungen das Risiko von Vertreibungen. Im August wurden im umstrittenen Siedlungsprojekt E1 &ouml;stlich von Jerusalem mehr als 1200 Wohneinheiten ausgeschrieben. Allein im ersten Quartal 2026 wurden mehr als 3200 Pal&auml;stinenser:innen vertrieben, darunter ganze Gemeinden. Zudem erschweren neue Checkpoints, abgeriegelte Fl&uuml;chtlingscamps und weitere Bewegungsbeschr&auml;nkungen den Zugang zu medizinischer Versorgung erheblich.</p><p style=\"text-align: left\">Zwischen Januar und Juli f&uuml;hrten Teams von &Auml;rzte ohne Grenzen im Westjordanland mehr als 2300 psychosoziale Beratungen durch sowie 27 Schnelleins&auml;tze nach Angriffen auf Pal&auml;stinenser:innen oder Zerst&ouml;rungen von Geb&auml;uden und Infrastruktur, wie der Wasserversorgung. Diese Schnelleins&auml;tze beinhalten unter anderem psychologische Unterst&uuml;tzung der Betroffenen sowie die Bereitstellung lebensnotwendiger G&uuml;ter.</p><p style=\"text-align: left\"><em>&Auml;rzte ohne Grenzen ist in den pal&auml;stinensischen Gebieten mit knapp 1600 Mitarbeitenden im Einsatz. Die Organisation betreibt oder unterst&uuml;tzt medizinische Einrichtungen an 13 Standorten im Norden, S&uuml;den und Zentrum des Gazastreifens. Im Westjordanland ist &Auml;rzte ohne Grenzen mit mobilen Teams im Einsatz und bietet unter anderem Basisgesundheitsversorgung und psychosoziale Unterst&uuml;tzung an.</em></p><p style=\"text-align: left\"><strong>Interviews</strong> und <strong>Hintergrundgespr&auml;che</strong> sind m&ouml;glich. </p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>",
    "author": {
        "first_name": "Jeremias",
        "last_name": "Schnyder"
    },
    "format_version": 6
}