Ostukraine: «Das Leben gerät aus den Fugen»

Donnerstag, 12. Januar 2017 — Ein im September unterzeichnetes Abkommen sollte Kindern eine sichere Umgebung gewähren, damit sie nach der Sommerpause wieder zur Schule gehen können. Doch trotz dieser vereinbarten Waffenruhe geht die Bombardierung in vielen Dörfern, die in der Nähe des Konfliktgeschehens in der Ostukraine liegen, weiter. Nach einem fast drei Jahre andauernden Konflikt trägt die Zivilbevölkerung weiterhin die Hauptlast der anhaltenden Gewalt. Über 1,7 Millionen Menschen mussten gemäss dem  Ministerium für Sozialpolitik der Ukraine (IOM; Mai 2016) ihre Häuser verlassen.

 

Die MSF-Psychologin Elena Pylaeva schildert die Auswirkungen des langwierigen Konflikts auf die psychische Gesundheit der Bevölkerung.

 

Wie wirkt sich der Konflikt auf das Leben der Menschen aus?
Der Konflikt reisst Gemeinschaften und Familien auseinander. Dies wird an den Orten sichtbar, die wir täglich aufsuchen: Unsere Patienten sind vorwiegend ältere, häufig verwitwete Frauen, deren Kinder und Enkel geflohen sind, um an einem sicheren Ort Unterkunft oder Arbeit zu finden. Es gibt Menschen, die in ihren Dörfern nahe der Berührungslinie zurückgelassen wurden. Sie leben mit der Angst vor Bombardierung und fürchten stets, von Basisdienstleistungen und medizinischer Versorgung abgeschnitten zu werden. Andere wiederum, die an diese Orte geflohen sind, müssen sich in eine neue Umgebung einfinden und wieder bei null anfangen.

Die Einwohner, die sich zum Bleiben entschieden haben, verloren in den meisten Fällen ihren Arbeitsplatz. Sie waren in Schulen, Supermärkten oder Kindergärten angestellt, die jedoch wegen des Konflikts schliessen mussten. Wie kann eine Schule funktionieren, wenn ganz in der Nähe Granaten einschlagen? Vierzig- bis Fünfzigjährige mussten gezwungenermassen in Rente gehen. Die Arbeitsmoral in der Ostukraine ist hoch, weshalb die plötzliche Inaktivität auf viele sehr beunruhigend wirkt.

Sind Frauen durch die Situation in besonderer Weise beeinträchtigt?
Ukrainische Frauen müssen hart arbeiten. Gleichzeitig haben sie in der Familie eine zentrale Rolle: Sie versorgen die Kinder, kümmern sich um den Haushalt und halten die Familie zusammen. Da bleibt wenig bis gar keine Zeit für eigene Bedürfnisse. Die Familie ist ein wichtiger Ort, an dem man als erstes Unterstützung findet.

Müssen jedoch die Kinder fliehen und sind die Zurückgebliebenen plötzlich arbeitslos, gerät das Leben aus den Fugen. Der Konflikt hat zudem in einigen Fällen, insbesondere bei Männern, zu steigendem Alkoholkonsum geführt. Die Frauen geraten somit verstärkt unter Druck. Häufig müssen sie noch die Rolle ihres Mannes übernehmen und die Familie ernähren.

Unsere psychologische Betreuung besteht zu einem grossen Teil darin, den Menschen Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie sich um ihre eigenen Bedürfnisse kümmern können. In einer instabilen Situation hat das einen hohen Stellenwert. Die tägliche Realität des Konflikts kann nicht verändert werden. Die Frauen können jedoch Änderungen bewirken, um für ihre körperliche und psychische Gesundheit zu sorgen.

Welche Symptome stellen Sie bei Patienten mit psychischen Leiden vorwiegend fest?
Die akuten oder chronischen Krankheitssymptome sind in den meisten Fällen stressbedingt. Etwa die Hälfte der Patienten leidet unter Angstsymptomen. Diese stehen natürlich in direktem Zusammenhang mit dem Konflikt: Die Menschen haben Angehörige oder Freunde in dem Konflikt verloren. Viele mussten fliehen, weil ihre Häuser beschädigt wurden.

Die Menschen leben in der ständigen Angst, bombardiert zu werden. Das wirkt sich auf ihre psychische und körperliche Gesundheit aus.

Wie helfen Sie Vertriebenen und Menschen, die nahe des Konfliktgeschehens leben?
Wir bieten mittels unserer mobilen Kliniken individuelle psychologische Betreuung an. Zudem führen wir Veranstaltungen zum Thema psychische Gesundheit durch, um über Stress- und Angstsymptome zu informieren und darüber, wie der Einzelne im Alltag damit umgehen kann.

In Mariupol veranstalten wir seit Neuestem Gruppensitzungen zur Unterstützung der älteren Bevölkerung. Es kommen sowohl Menschen, die nach Mariupol geflohen sind, als auch Einwohner, die hier geboren sind. Diese Durchmischung erleichtert die Integration in eine neue Umgebung und schafft Möglichkeiten, um sich untereinander über die eigenen Gefühle auszutauschen. Wir möchten den Teilnehmenden emotionale Bewältigungsmechanismen zur Verfügung stellen, die ihre körperliche Gesundheit und ihr psychisches Wohlbefinden unterstützen.

Sind die mobilen Kliniken für die Menschen auch eine Möglichkeit für soziale Kontakte?
Tatsächlich ist das Aufsuchen der mobilen Klinik für viele ein erster Schritt, um ihre Isolation zu überwinden. Viele ältere Menschen kommen für die Behandlung chronischer Erkrankungen. Beim Warten auf die ärztliche Untersuchung beginnen sie dann, miteinander zu plaudern.

Diese eigentlich alltägliche Situation ist für die Menschen eine echte Chance, um sich gegenseitig zu unterstützen, einander zuzuhören und sich über ähnliche Erfahrungen auszutauschen. Daraus erwächst das Bewusstsein, nicht alleine zu sein und nicht als Einzige unter dem Konflikt und den damit verbundenen schmerzlichen Gefühlen zu leiden.

Welchen Rat geben Sie Menschen, um auf sich selbst zu achten?
Das Wichtigste ist, sich Zeit für die eigene Gesundheit und das eigene Wohlbefinden zu nehmen und so gut wie möglich für eine gesunde Lebensweise zu sorgen. Hilfreich sind zudem ‘normale’ Aktivitäten. Das kann für einige das Kochen sein und für andere die Gartenarbeit.

In den letzten Wochen kam es vermehrt zu Gewalt und Verstössen gegen die Waffenruhe am Tag. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?
In Gegenden, die in den vergangenen Wochen verstärkt bombardiert wurden, suchen mehr Menschen unsere Unterstützung. Häuser werden weiterhin beschädigt, Menschen müssen sich in ihren Kellern verstecken, und Familien lassen alles zurück, um an einen sicheren Ort zu fliehen. Die Leute sind verängstigt und erschöpft.

Wie wirkt sich der fast drei Jahre anhaltende Konflikt auf die Bevölkerung aus?
Das Leben in abgelegenen Dörfern ist sehr hart. Als der Konflikt begann, lebten viele bereits unter schwierigen Umständen, wussten jedoch, damit umzugehen. Über eine so lange Zeit in einem unberechenbaren Umfeld zurechtzukommen, ist jedoch nicht dasselbe.

In den vergangenen Wochen habe ich Familien getroffen, die mit der Situation nicht mehr fertig werden. Es gibt Menschen, die seit über zwei Jahren in ihrem Keller schlafen. Angesichts der anhaltenden Bombardierung benötigen sie nun Unterstützung, um mit dieser neuen Realität zurechtzukommen.

Die Menschen sind des Konflikts müde. Häufig fragen sie mich: Wann wird es endlich zu Ende sein? Sie halten es nur aus, weil sie noch Hoffnung haben. Hoffnung auf ein friedliches Leben. Da sie jedoch seit so langer Zeit in Ungewissheit und Unsicherheit leben, sind sie nun wohl am Ende ihrer Kräfte angelangt.

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