Angriffe auf das Gesundheitswesen in bewaffneten Konflikten auf Rekordniveau
2025 wurden laut WHO weltweit bei 1348 Angriffen auf medizinische Einrichtungen 1981 Menschen getötet. Konfliktparteien – darunter auch Staaten – entziehen sich zunehmend ihrer völkerrechtlichen Verpflichtung, medizinisches Personal, Patient:innen, Gesundheitseinrichtungen und Transporte zu schützen. Dies zeigt der neue Bericht «Medical care in the crosshairs» («Medizinische Versorgung im Fadenkreuz») von Ärzte ohne Grenzen.
Beinahe zehn Jahre nach Verabschiedung der Resolution 2286 des UN-Sicherheitsrats, die Angriffe auf das Gesundheitswesen verurteilte und ein Ende der Straflosigkeit forderte, ist ein deutlicher Anstieg der Todesfälle bei medizinischem Personal und Patient:innen in Konfliktgebieten zu verzeichnen.
Der Bericht «Medical care in the crosshairs» stützt sich auf Zahlen aus bestehenden internationalen Datenbanken sowie auf eigene Erfahrungen von Ärzte ohne Grenzen in bewaffneten Konflikten. 2025 verzeichnete das Überwachungssystem der Weltgesundheitsorganisation (Surveillance System for Attacks on Health Care, SSA) insgesamt 1348 Angriffe auf medizinische Einrichtungen, bei denen 1981 Menschen getötet wurden – eine Verdoppelung gegenüber 944 im Jahr 2024. Am stärksten betroffen war der Sudan mit 1620 getöteten Menschen, gefolgt von Myanmar mit 148, Palästina mit 125, Syrien mit 41 und die Ukraine mit 19 Getöteten.
Konfliktparteien achten das humanitäre Völkerrecht immer weniger. Das zeigen sowohl die statistischen Daten im Bericht als auch Aussagen von Regierungsmitgliedern, Militärangehörigen und anderen Beteiligten bewaffneter Konflikte.
«Konfliktparteien haben das Narrativ von ‹versehentlichen Angriffen› hin zu einer Rechtfertigung verschoben, wonach medizinische Einrichtungen und humanitäres Personal ihren ‹Schutzstatus› nach dem humanitären Völkerrecht verloren hätten. Diese Verschiebung zeigt, dass militärischen Überlegungen häufig Vorrang gegenüber der Verpflichtung eingeräumt wird, Zivilist:innen zu schützen und zivile Schäden zu minimieren», sagt Erik Laan, Advocacy-Experte bei Ärzte ohne Grenzen in den Niederlanden.
In manchen Fällen entstehen Angriffe aus Fehlinterpretationen des humanitären Völkerrechts oder unter maximaler Ausschöpfung von Interpretationsspielräumen sowohl im Vertrags- als auch im Gewohnheitsrecht. In der Folge verschiebt sich die Verantwortung: Menschen und Gesundheitseinrichtungen gelten nicht mehr automatisch als geschützte Zivilist:innen und zivile Einrichtungen, sondern müssen beweisen, dass sie keine militärischen Ziele sind. «Zentrale Verpflichtungen der Konfliktparteien, wie die Pflicht, vor einem Angriff rechtzeitig zu warnen, werden häufig übersehen», erklärt Laan. «Dies verhindert, dass medizinische Einrichtungen auf einen angeblichen Verlust des Schutzstatus reagieren oder die Patient:innen evakuieren können.»
Staatliche Akteur:innen verantwortlich für den Grossteil der Angriffe
Im Jahr 2024 dokumentierte die Safeguarding Health in Conflict Coalition (SHCC) in den jüngsten verfügbaren Daten 3623 Angriffe auf das Gesundheitswesen – 15 % mehr als 2023 und 62 % mehr als 2022. Laut SHCC können rund 81 % der Fälle von Gewalt gegen das Gesundheitswesen im Jahr 2024 staatlichen Akteur:innen zugerechnet werden. «Die Beteiligung von Staaten an bewaffneten Konflikten bringt besondere Herausforderungen für den Schutz medizinischer Versorgung mit sich, da staatliche Akteur:innen häufiger als nichtstaatliche bewaffnete Gruppen Angriffe aus der Luft durchführen und Sprengstoffe einsetzen – insbesondere in dicht besiedelten Gebieten», sagt Raquel González, Koordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in Spanien. «Gewalt gegen medizinische und humanitäre Versorgung hat zur Folge, dass lebenswichtige medizinische Dienste geschlossen werden und sich humanitäre Organisationen zurückziehen müssen. Damit wird der Zugang zur Gesundheitsversorgung für Bevölkerungsgruppen verhindert, die oft keine Alternativen haben. Menschen in Konfliktgebieten sind ohnehin schon von Gewalt betroffen – der Verlust medizinischer Versorgung macht ihr Leben noch unerträglicher.»
Besonders betroffen von diesen Angriffen sind lokale Mitarbeiter:innen Laut der Aid Worker Security Database wurden zwischen 2021 und 2025 weltweit 1241 lokal Angestellte getötet, 1006 verletzt und 604 entführt. Sie machen 98 % aller getöteten, 96 % der verletzten und 94 % der entführten humanitären Helfer:innen aus.
Nachstehend der Bericht in englischer Sprache:
202601 MSF - Medical Care in the Crosshairs- The Attack on Humanity report final (1).pdf
PDF 7.1 MB
Yvonne Eckert