Bangladesch-Cox's Bazar: Massive Finanzierungslücken bei Lebensmittelversorgung gefährend das Leben geflüchteter Rohingya
Flashquote von Vickie Hawkins, Generaldirektorin von Ärzte ohne Grenzen Amsterdam
«Während die Auswirkungen der Kürzungen im humanitären Sektor auf der ganzen Welt zu spüren sind, müssen mehr als eine Million geflüchtete Rohingya weiterhin in den Camps in Cox's Bazar in Bangladesch ausharren. Vergangene Woche hat das Welternährungsprogramm die alarmierende Ankündigung gemacht, dass es aufgrund von Finanzierungsengpässen plant, die Lebensmittelrationen um die Hälfte zu kürzen. Wir sprechen hier von mehr als einer Million staatenloser Menschen, die kein Recht auf Arbeit, kein Land und keine anderen legalen Möglichkeiten haben, sich selbst zu ernähren. Wir sind äusserst besorgt, dass die Kürzung der Lebensmittelrationen die Krise der Rohingya und das Gefühl der Verzweiflung, das in den Camps bereits vorherrscht, weiter verschärfen würde. Wir wissen, was eine solche Verzweiflung und der Umstand, sich in diesem geschlossenen Camp sein Überleben sichern zu müssen, an Gewalt und Ausbeutung mit sich bringt; insbesondere Frauen und Kinder riskieren ausgebeutet zu werden. Viele Geflüchtete sagen uns, dass sie befürchten, dass die Situation sich weiter verschlimmert.
Kleine Kinder sind besonders gefährdet, langfristige Folgen von solchen Lebensumständen davonzutragen. Aufgrund mangelnder Nahrung kommt ihr Wachstum praktisch zum Stillstand, Mangelernährung führt ausserdem dazu, dass sie anfälliger für Krankheiten sind. Viele Erwachsene müssen sich um Kinder oder ältere Familienmitglieder kümmern. Sie werden wahrscheinlich gezwungen sein, negative Bewältigungsmechanismen anzuwenden wie beispielsweise selbst weniger zu essen, um ihre Familien zu ernähren. Um sich ein Einkommen zu verschaffen, könnten sie auch ausbeuterische Tätigkeiten ausüben.
Die Ankündigung der Lebensmittelkürzungen kommt zu einer Zeit, in der erst kürzlich im Camp angekommene Geflüchtete bereits von den Lebensmittelrationen anderer Menschen abhängig sind, um zu überleben. Rahima, die vor kurzem vor der Gewalt in Myanmar geflohen ist und bei ihrer Grossfamilie in den Camps Zuflucht sucht, sagt: ‹Ich bin eine Last für sie. Sie teilen ihr spärliches Essen mit mir.›
Masuda, eine andere Rohingya-Frau, erzählte uns, dass die Rationen, die sie und ihre Familie bekommen, schon jetzt nicht ausreichen.
Die Rohingya sind in Abhängigkeit gefangen. Geber:innen wie auch Regierungen und internationale Organisationen müssen helfen, die Finanzierungslücke von 81 Mio. USD zu schliessen. Wir appellieren an die Geber:innen, bis April Soforthilfe zu leisten, um die lebensnotwendigen Nahrungsmittelrationen für Geflüchtete zu sichern. Regierungen sollen die kurzfristige humanitäre Hilfe aufstocken, um den dringenden Bedarf zu decken. Internationalen Organisationen sollen sich mit den Agenturen für Ernährungssicherheit und Ernährung zusammenzutun, um eine rasche und transparente Bereitstellung der Mittel zu gewährleisten.
Wir wissen, dass es heute schwieriger als je zuvor ist, diese Ressourcen zu mobilisieren, aber es muss eine Lösung gefunden werden. Humanitäre Hilfe einer Bevölkerung vorzuenthalten, die vorsätzlich von ihr abhängig gemacht wurde, ist wirklich unverzeihlich.» ENDE
Hintergrund: Schätzungsweise mehr als 1 Million Rohingya sind in den Camps in Cox's Bazar eingesperrt, wohin sie auf der Flucht vor der Gewalt im benachbarten Myanmar gekommen sind. Hinzu kommen schätzungsweise mehr als 60’000 Menschen, die seit Januar 2024 nach erneuter Gewalt in Myanmar angekommen sind. Die Rohingya sind in Bangladesch fast vollständig von humanitärer Hilfe abhängig. Dies gilt auch bezüglich Lebensmitteln, da sich Rohingya ausserhalb der Camps kaum frei bewegen können, ihnen eine formelle Beschäftigung untersagt ist und sie keine alternativen legalen Einkommensquellen haben.
Vor der militärischen Razzia im August 2017 lebten etwa 1,1 Millionen Rohingya in Myanmar. Rund 247’783 Rohingya sind heute noch im Bundesstaat Rakhine, darunter 140’000 Personen, die in Vertriebenencamps festgehalten werden. Insgesamt leben über 2 Millionen Rohingya als Vertriebene – hauptsächlich in Asien und im Nahen Osten. Nach myanmarischem Recht wird den Rohingya die Staatsbürgerschaft verweigert, was ihre prekäre Existenz noch verschlimmert.
Yvonne Eckert