Ein Jahr Trump-Regierung: Was die Mittelkürzungen für humanitäre Hilfe bedeuten ​

Vor einem Jahr erliess die US-Regierung unter Präsident Donald Trump eine Reihe von Dekreten und schränkte den Einsatz der Vereinigten Staaten (USA) für Globale Gesundheit und humanitäre Hilfe drastisch ein. Die gravierenden Folgen dieser Entscheidungen haben Teams der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) im Laufe des Jahres 2025 aus nächster Nähe erlebt.

Kliniken mussten schliessen. Lebensrettende Medikamente hingen in Häfen fest. Mitarbeitende des Gesundheitswesens in vielen Ländern verloren ihre Arbeit. Das Ausmass der negativen Konsequenzen der Mittelkürzungen der USA wird nach und nach sichtbar, und sie werden weitere weitreichende Auswirkungen haben. ​

«Während die Welt noch unter diesen Mittelkürzungen leidet, ist schon jetzt klar, dass sie nur der Auftakt für eine weitere Umgestaltung der Unterstützung für Globale Gesundheit und humanitäre Hilfe waren», sagt Mihir Mankad, Leiter der politischen Kommunikation zu globaler Gesundheitspolitik von Ärzte ohne Grenzen in den USA. «Verschiedene Regierungen hatten schon immer unterschiedliche Prioritäten und Agenden im Zusammenhang mit Globaler Gesundheit. Doch was wir jetzt sehen, ist eine beunruhigende Abkehr von dem grundlegenden Prinzip, dass humanitäre Grundversorgung einen Wert darstellt, ebenso wie die Bekämpfung von Epidemien, Mangelernährung und durch Impfungen vermeidbare Krankheiten und die Unterstützung marginalisierter Menschen.»

Ärzte ohne Grenzen nimmt keine Gelder von der US-Regierung an. Dennoch waren die Folgen des Rückzugs der USA aus der internationaen Hilfe in vielen Projekten der Organisation deutlich spürbar. ​ ​

In Somalia führte die Unterbrechung der Hilfe dazu, dass therapeutische Milch monatelang nicht geliefert werden konnte. In den von Ärzte ohne Grenzen unterstützten Gesundheitseinrichtungen stieg die Zahl schwer mangelernährter Kinder deutlich: In den ersten neun Monaten des Jahres 2024 waren es noch 1’937 schwer mangelernährte Kinder, im gleichen Zeitraum 2025 stieg die Zahl auf 3’355. ​ ​

Im Renk-County-Spital im Südsudan zwangen die Kürzungen eine Hilfsorganisation dazu, die Unterstützung für mehr als 50 Spitalmitarbeitende abrupt einzustellen. Dies führte zu grossen Lücken in der Geburtshilfe. In der Folge nahmen Teams von Ärzte ohne Grenzen mehr Neugeborene mit gesundheitlichen Komplikationen auf der Kinderstation auf – eine Konsequenz aus mangelnder Vorsorge und Versorgung von Frauen während Schwangerschaft und Geburt. Seit September 2025 unterstützt Ärzte ohne Grenzen die Entbindungsstation des Spitals. ​ ​ ​ ​ ​

In der Demokratischen Republik Kongo (DRC) führte die Auflösung von USAID dazu, dass eine Bestellung von 100’000 Kits zur Versorgung von Überlebenden von Vergewaltigungen storniert werden musste. Diese Kits umfassen Medikamente zur Prävention von HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen. Teams von Ärzte ohne Grenzen beobachten in der DRC ein extrem hohes Mass an sexualisierter Gewalt. Allein in der ersten Jahreshälfte 2025 versorgten sie rund 28’000 Überlebende sexualisierter Gewalt. ​ ​

Diese Beispiele – und viele weitere aus dem vergangenen Jahr – stehen für mehr als reine Budgetkürzungen. Sie markieren einen grundlegenden Wandel darin, wie die USA ihre Rolle in der Welt verstehen und wahrnehmen. Die politische Neuausrichtung zielt auf ein deutlich reduziertes Engagement im Bereich globaler Gesundheit und setzt auf einen engen, kurzsichtigen Ansatz, der zentrale Bereiche wie sexuelle und reproduktive Gesundheit, Ernährung oder nichtübertragbare Krankheiten weitgehend ausblendet. Gleichzeitig werden neue Formen der Zusammenarbeit etabliert, die zunehmend transaktional sind und ohne Einbindung der Zivilgesellschaft oder der betroffenen Gemeinschaften verhandelt werden.

«Von nationaler Eigenverantwortung zu sprechen, ist wenig glaubwürdig, wenn zugleich Beamte des US-Aussenministeriums offen erklären, dass globale Gesundheitsunterstützung an die Bereitschaft geknüpft ist, Rohstoffabkommen mit den USA abzuschliessen», sagte Mankad. Wenn humanitäre Hilfe und globale Gesundheitsversorgung nicht am medizinischen Bedarf, an wissenschaftlicher Evidenz und epidemischen Erkenntnissen ausgerichtet werden, sondern an politischen Interessen, wirtschaftlichen Kalkülen oder ideologischen Vorgaben, steigt das Risiko vermeidbaren Leids erheblich. «Humanitäre Hilfe darf kein Verhandlungsinstrument sein. Sie muss sich am Bedarf der Menschen orientieren und am grundlegenden Prinzip, Leben zu schützen und Leid zu lindern.»

Lukas Nef

Head of Public Engagement, Médecins Sans Frontières (MSF)

 

 

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