Flüchtlinge in Griechenland: Drastische Zunahme von psychischen Erkrankungen

Dienstag, 10. Oktober 2017 — Die Hilfsorganisation Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF) wirft Griechenland und der EU vor, für einen psychosozialen Notstand unter Asylsuchenden auf den griechischen Inseln mitverantwortlich zu sein. Die Teams der Organisation auf Lesbos und Samos behandeln immer häufiger Patienten, die Selbstmordversuche oder Selbstverletzungen unternommen oder psychotische Episoden durchlebt haben. Ein heute veröffentlichter Bericht zeigt, dass Gewalt, Vernachlässigung und die schlechten Lebensbedingungen den prekären seelischen Gesundheitszustand vieler Patienten massgeblich mitverursachen. MSF fordert Griechenland und die EU auf, alle Asylsuchenden sofort auf das griechische Festland umzusiedeln, wo sie angemessen untergebracht werden können und besseren Zugang zu Gesundheitsversorgung haben.

«Diese Menschen haben Bombenangriffe, extreme Gewalt und traumatische Erfahrungen in ihren Heimatländern und auf der Flucht nach Europa erlebt», berichtet Jayne Grimes, die das psychosoziale Programm von MSF auf Samos leitet. «Doch es sind die Lebensumstände auf den griechischen Inseln, die sie in Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und selbstverletzendes Verhalten treiben. Es ist eine Schande. Jeden Tag behandeln unsere Teams Patienten, die ihnen sagen, dass sie lieber in ihren Heimatländern gestorben wären, als hier gefangen zu sein. »

Während des Sommers kamen pro Woche sechs bis sieben neue Patienten nach Selbstmordversuchen, Vorfällen von Selbstverletzung oder psychotischen Episoden mit akutem Behandlungsbedarf in die MSF-Klinik auf Lesbos. Im Vergleich zu den vorangegangenen drei Monaten stieg die Zahl der Patienten in dieser Klinik um 50 Prozent.

Die psychische Belastung vieler Patienten wurde durch Gewalterfahrungen verschlimmert, die sie auf dem Fluchtweg oder in Griechenland erlebt haben. Eine systematische Befragung von Geflüchteten durch MSF und die Forschungseinrichtung «Epicentre» zu Beginn des Jahres auf Samos zeigt: Fast die Hälfte der Befragten hat in der Türkei Gewalt erfahren, und fast ein Viertel hat seit der Ankunft in Griechenland Gewalt erlebt. Personen, die nach dem EU-Türkei-Abkommen im März 2016 Samos erreichten, wurden häufiger zum Opfer von Gewalt in der Türkei und in Griechenland als diejenigen, die zuvor ankamen. Zwischen 50 und 70 Prozent der Gewaltvorfälle wurden laut den Berichten von staatlichen Autoritäten verübt.

«Die Menschen auf das Festland zu bringen, ist ein humanitärer Imperativ», betont Louise Roland-Gosselin von MSF in Griechenland. «Die EU-Staaten und die griechischen Behörden sind für dieses Leid direkt verantwortlich. Die extreme Verletzlichkeit der Menschen und das komplette Versagen aller Ankunftssysteme auf den Inseln lassen keine andere Massnahme zu.» Die psychosoziale Versorgung der Asylsuchenden, einschliesslich psychiatrischer Behandlung, muss dringend ausgeweitet werden.

MSF arbeitet seit Juli 2015 auf Lesbos. Im Oktober 2016 eröffnete das Team in der Inselhauptstadt Mytilini eine Klinik für Asylsuchende, darunter Patienten aus dem früheren EU-Hotspot Moria und dem Lager Kara Tepe. Die Klinik bot primäre Gesundheitsversorgung, gynäkologische und Mutter-Kind-Untersuchungen, psychische Behandlung und die Behandlung von chronischen Krankheiten an. Mittlerweile konzentriert sich das Team auf Überlebende von Folter, sexueller Gewalt und Patienten mit schweren psychischen Störungen und leistet ihnen medizinische wie psychologische Hilfe. Zwischen Januar und August 2017 hielt das MSF-Team auf Lesbos 2‘100 allgemeinmedizinische Sprechstunden, 1‘060 gynäkologische und Mutter-Kind-Untersuchungen und 1‘270 klinisch-psychologische Beratungen ab.

Auf Samos betreibt MSF in Vathy eine temporäre Unterkunft für hilfsbedürftige Menschen, in der bis zu 80 Personen untergebracht werden können. Von Januar bis August 2017 hat das Team auf Samos 460 klinisch-psychologische Beratungen angeboten.

Anbei finden Sie den Bericht «Confronting the mental health emergency on Samos and Lesvos» zum Herunterladen.