Fumetto: «Die letzten Flüsse waren am gefährlichsten»
Im Rahmen des Fumetto Comic Festivals zeigt Ärzte ohne Grenzen vom 5. bis 13. April in der Kornschütte Luzern ein digitales Comicprojekt der mexikanischen Kinderbuch-Illustratorin Herenia González. Der Comic basiert auf den Erzählungen der zwölfjährigen Gabriela aus Venezuela, die mit ihrer Familie auf der Flucht nach Norden in einem Projekt von Ärzte ohne Grenzen betreut wurde.
«Die letzten Flüsse, die wir in Panama überqueren mussten, waren wegen der starken Strömungen am gefährlichsten. Meine Mutter rutschte aus und ertrank beinahe. Mein Stiefvater und ein anderer Mann konnten sie aber retten», erzählt Gabriela im Comic Ich wünsche, ich könnte fliegen. Als die mexikanische Illustratorin Herenia González das Mädchen in Mexiko-Stadt kennenlernte, war die Familie bereits seit zwei Monaten dort gestrandet. Gabrielas Mutter versuchte, das Überleben der Familie mit dem Verkauf von Fruchtsäften zu sichern.
González besuchte Ende 2024 und erneut im Januar 2025, auf Einladung von Ärzte ohne Grenzen, ein medizinisches Projekt der Organisation in Mexiko-Stadt. Dort bieten Teams medizinische und psychologische Unterstützung für Migrant:innen. Jedes Jahr machen sich rund 500'000 Menschen auf den Weg durch Zentralamerika in Richtung Norden. Sie fliehen vor Gewalt und Perspektivlosigkeit in ihren Herkunftsländern und hoffen auf ein besseres Leben in den USA. Doch unterwegs sind sie Gewalt und Gefahren durch kriminelle Banden ausgesetzt. Viele erleben sexuelle Übergriffe, einige werden entführt. In mobilen Kliniken, in Unterkünften für Geflüchtete und umliegenden Gemeinden leisten Ärzt:innen, Psycholog:innen, Sozialarbeitende und Gesundheitsberater:innen von Ärzte ohne Grenzen medizinische und psychosoziale Hilfe.
«Ich war von Gabriela beeindruckt – von ihrer unbekümmerten Art sowie von ihrer Fähigkeit, sich anzupassen und loszulassen», sagt González. «Aber auch von vielen anderen Menschen. Wenn sie über ihre Projekte und Lebensziele sprechen, wirken sie stark und scheinen entschlossen, ihre Träume verwirklichen zu wollen. Doch sobald sie ihre Familie erwähnen, bricht ihre Stimme, und sie vermeiden es, weiterzureden».
Gabriela würde gerne wieder zur Schule gehen. Ihr Lieblingsfach ist Englisch. Doch das Ziel der Familie, in die USA weiterzureisen, scheiterte im Januar 2025. Die US-Regierung hatte damals die App CBP One abgeschaltet, über die zuvor sämtliche Asylanträge abgewickelt wurden. Die ohnehin prekäre Situation der Migrant:innen hat sich dadurch weiter verschärft. Ohne legale Alternativen sind viele gezwungen, auf gefährliche, illegale Routen auszuweichen.
Wer einen Einblick in die Arbeit von Herenia González und in Gabrielas Geschichte erhalten möchte, ist eingeladen, am 5. April in die Luzerner Altstadt zu kommen. Auf dem Kornmarkt wird die Illustratorin persönlich zwischen 13 und 18 Uhr Teile des Comics live als «Wall Painting» auf eine Plakatwand zeichnen. Ansonsten kann der interaktive Comic während der gesamten Dauer des Festivals in digitaler Form in der Kornschütte gelesen werden.
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Die Künstlerin
Herenia González wurde in Mexiko-Stadt geboren und wuchs, wie sie selbst sagt «umgeben von Büchern und Katzen» auf. Sie studierte Grafikdesign an der Autonomen Universität in Mexiko-Stadt und illustriert seit über 20 Jahren Kinderbücher. Darüber hinaus hat sie in verschiedenen mexikanischen Städten Wandmalereien realisiert. Ihre Farbwahl, so González, richtet sich jeweils nach den Orten, an denen sie arbeitet.
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Ausstellung und Talk
Vom 5. bis 13. April ist der interaktive Comic in der Luzerner Kornschütte zu sehen; täglich von 10 bis 20 Uhr.
Am 8. April findet um 19 Uhr ein Talk mit der in Luzern wohnhaften Hebamme Regula Bühler und der Illustratorin Herenia González statt. Regula Bühler war bereits mehrfach für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz, 2023 auch in Mexiko. In der Kornschütte wird sie über ihre Erlebnisse und Erfahrungen berichten. Auch Herenia González wird über ihre Einblicke in das Projekt von Ärzte ohne Grenzen in Mexiko-Stadt sprechen – sowie über die Menschen, die sie für ihren Comic porträtiert hat.
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Über Ärzte ohne Grenzen / Médecins Sans Frontières (MSF)
Ärzte ohne Grenzen ist eine internationale und unabhängige humanitäre Organisation, die medizinische Nothilfe für Menschen leistet, die von bewaffneten Konflikten, Epidemien, unzureichender Gesundheitsversorgung oder Naturkatastrophen betroffen sind.
Die Hilfsorganisation ist seit 1985 in Mexiko tätig und bietet grundlegende medizinische Versorgung, psychologische Unterstützung und humanitäre Hilfe für gefährdete Bevölkerungsgruppen, insbesondere für Migrant:innen und Geflüchtete.
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Partnerschaft Fumetto / Ärzte ohne Grenzen
Ärzte ohne Grenzen verbindet eine langjährige Partnerschaft mit Fumetto, das mittlerweile zu einem der wichtigsten internationalen Comic-Festivals in Europa gehört. 2025 illustriert bereits zum dritten Mal eine lokale Künstlerin ein Projekt der medizinischen Hilfsorganisation für das Comic-Festival.
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Soli-Ticket
2025 bietet das Fumetto zum zweiten Mal ein Solidaritätsticket an. Durch den Kauf dieses Tickets können Besucher:innen Ärzte ohne Grenzen direkt unterstützen. Beim Kauf eines Soli-Tickets erhalten die Besucher:innen ein mit Quitapenas gefülltes Säckchen. Diese kleinen, handgefertigten «Sorgenpuppen», die ursprünglich aus Guatemala stammen, werden von den psychologischen Teams von Ärzte ohne Grenzen verwendet. Wenn eine Person Sorgen hat und deswegen nicht schlafen kann, teilt sie die Sorgen mit so vielen Puppen wie nötig und legt diese dann unter ihr Kopfkissen. Der Legende nach übernehmen die Puppen die Sorgen während der Nacht, sodass die Person ruhig schlafen kann.
Yvonne Eckert
Lukas Nef