Haiti: Ärzte ohne Grenzen behandelt rund 100 Patient:innen in zwei Wochen
Seit Ende Dezember 2025 kommt es Port-au-Prince erneut zu massiven Zusammenstössen zwischen der haitianischen Nationalpolizei und bewaffneten Gruppen, vor allem in dicht besiedelten Stadtvierteln, die unter der Kontrolle bewaffneter Gruppen stehen. Für tausende Zivilist:innen ist das tägliche Leben von Schusswechseln und Drohnenangriffen geprägt, sodass viele in den von bewaffneten Gruppen kontrollierten Gebieten gefangen sind. In den ersten beiden Januarwochen behandelte Ärzte ohne Grenzen im Spital der Organisation in Drouillard rund 100 Menschen infolge von Gewalt.
In Port-au-Prince bedeutet eine Verletzung auch, dass Patient:innen mehrere Meter hohe Barrikaden überwinden, blockierte Strassen passieren und durch unter Beschuss stehende Stadtviertel gelangen müssen, um eines der wenigen funktionierenden Spitäler zu erreichen.
Viele medizinische Einrichtungen in der Hauptstadt sind geschlossen oder nur teilweise funktionsfähig, einige wurden von bewaffneten Gruppen angegriffen oder geplündert. Nur ein öffentliches Spital mit Operationskapazitäten bleibt geöffnet.
«In meiner Gegend gibt es keine Spitäler und keine Medikamente. Es gibt zwar ein paar Ärzte, aber sie haben kaum genug Material für eine grundlegende Versorgung», erklärt Anderson, Küchengerätehändler und Patient von Ärzte ohne Grenzen. Er wurde Anfang Januar in das Spital der Organisation in Tabarre eingeliefert, nachdem ihm auf dem Heimweg in einem von bewaffneten Gruppen kontrollierten Viertel von Port-au-Prince in den Fuss geschossen worden war.
«Die Menschen trauen sich nicht mehr, diese Gebiete zu verlassen. Sie haben Angst», sagt er. «Wer aus meiner Gegend kommt, wird sofort als kriminell angesehen, besonders wenn man angeschossen wurde. Auch, wenn man nichts Unrechtes getan hat. Krankenwagen kommen nicht hierher, und Mototaxis weigern sich oft, Verletzte zu transportieren, aus Angst, selbst ins Visier zu geraten.»
Ärzte ohne Grenzen verzeichnet trotz dieses erschwerten Zugangs zu medizinischer Versorgung einen deutlichen Anstieg der Gewaltopfer im Spital in Drouillard. Zwischen dem 29. Dezember 2025 und 12. Januar 2026, wurden 101 Patient:innen mit gewaltbedingten Verletzungen aufgenommen, darunter 66 mit Schussverletzungen. Das übersteigt bei weitem den monatlichen Durchschnitt von 54 Einweisungen aufgrund von Schussverletzungen in Drouillard im Jahr 2025.
Patient:innen, die chirurgisch behandelt werden müssen, werden an die Klinik für Unfallchirurgie in Tabarre überwiesen, eine der letzten Einrichtungen in der Hauptstadt, die noch kostenlose spezialisierte chirurgische Versorgung anbieten kann. Diese Überweisungen erfolgen jedoch unter prekären Bedingungen. Vor mehr als einem Jahr musste Ärzte ohne Grenzen seinen Rettungsdienst aufgrund wiederholter Drohungen und Angriffe auf Fahrzeuge und Patient:innen während des Transports zwischen medizinischen Einrichtungen einstellen. Einige Fahrzeuge des staatlichen Rettungsdienstes sind weiterhin einsatzfähig, aber ihre Kapazitäten reichen nicht aus. Viele Schwerverletzte kommen daher erst spät an, nachdem die Kämpfe in ihren Stadtvierteln abgeklungen sind, und werden oft mit nicht-medizinischen Transportmitteln wie Mototaxis gebracht, was ihren Zustand auf der Fahrt möglicherweise weiter verschlechtert.
«In den vergangenen zwei Wochen waren die meisten gewaltbedingten Verletzungen schwerwiegende Schussverletzungen, die zu offenen Frakturen oder Bauchverletzungen führten. Mit mehr als 40 solchen Fällen machen diese den Grossteil der Patient:innen aus, die wir in diesem Zeitraum behandelt haben», erklärt Dembélé Dionkounda, Arzt und medizinischer Koordinator im Spital von Tabarre.
Im Jahr 2025 wurden 686 aufgrund von Gewalt verletzte Patient:innen in das Spital von Ärzte ohne Grenzen in Tabarre eingeliefert, fast 90 Prozent davon mit Schussverletzungen. Unter den Schussopfern befanden sich 193 Frauen und 47 Kinder unter 14 Jahren. Allein am 6. Januar 2026 nahm Ärzte ohne Grenzen acht Patient:innen mit Schussverletzungen an einem einzigen Tag auf, was die anhaltende und intensive Gewalt in der Hauptstadt verdeutlicht.
Yvonne Eckert