Psychologische Hilfe für eritreische Flüchtlinge: Zuerst müssen Vorurteile abgebaut werden

Psychologische Hilfe für eritreische Flüchtlinge: Zuerst müssen Vorurteile abgebaut werden

Donnerstag, 19. Juli 2018 — Im Norden Äthiopiens bietet Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF) in zwei Flüchtlingslagern psychologische Betreuung an. Viele Eritreer haben in ihrer Heimat oder beim Versuch, ihr Land zu verlassen, Traumatisches erlebt.

Ephraim befindet sich in einem der kleinen Beratungszimmer des MSF-Zentrums für psychische Gesundheit im Flüchtlingslager Hitsats im Norden Äthiopiens. Das trockene und heisse Wetter, das dieses Halbwüstengebiet kennzeichnet, ist der Erholung durch die kühlere Regenzeit gewichen. Ein tropisches Gewitter tobt und das Geräusch von Wasser, das auf das Metalldach des Gebäudes fällt, ist ohrenbetäubend. Auch wenn er durch den Lärm schwer zu hören ist, ist seine Stimme ruhig und seine Augen drücken Scharfsinnigkeit und Entschlossenheit aus. Seine Geschichte im Detail erzählen zu können und dabei emotional stabil zu bleiben, ist ein wichtiger Schritt in seinem therapeutischen Prozess. «Ich habe in der 9. Klasse studiert und wusste, dass ich bald den Militärdienst machen musste. Für manche Leute hört es nie auf und während man beim Militär ist, wird man fast nicht bezahlt», erzählt er. «Für mich war es klar, dass ich keine Zukunft hatte, keine Zukunft, in der ich frei wählen konnte, was ich tun und sein wollte, und in der ich für meine Familie sorgen konnte. Also entschied ich mich, wie viele andere Eritreer auch, zu gehen», fügt er hinzu. Jetzt, da er seine Geschichte erzählt, ist er ein junger Erwachsener von 17 Jahren, aber als er Eritrea verliess, war er erst 14 Jahre alt.

Jeden Monat fliehen etwa 5000 Menschen aus Eritrea und viele von ihnen sind Teenager wie Ephraim. Der obligatorische unbefristete Militärdienst, der allen Eritreern von einem repressiven Regime auferlegt wird, das sie ihrer grundlegenden Menschenrechte beraubt, ist ein bedeutender Druckfaktor für diejenigen, die aus dem Land fliehen. Für jene, die bleiben, ist die «Wahl» nicht ohne Folgen: willkürliche Inhaftierung, Gewalt und Bedrohung werden regelmässig eingesetzt, wenn sich Menschen nicht an das System halten.

Ephraim wurde sowohl in Eritrea als auch auf der Suche nach einem besseren Leben misshandelt und inhaftiert. An einem Punkt seiner Reise wurde er im Sudan erwischt, als er versuchte, Libyen nach zu gelangen. Mit sehr wenig Essen und Wasser hatte ihn die 13-tägige Reise durch die Wüste fast umgebracht. Dennoch wurde er mehrere Wochen lang geschlagen und inhaftiert, bevor er nach Eritrea zurückgeschickt wurde, wo er erneut inhaftiert wurde. «Das Gefängnis in Eritrea war wie ein Loch im Boden, ohne Fenster und ohne Licht. Es waren mehr als 80 Leute mit mir im Raum. Wir hatten nicht genug Platz, um uns hinlegen zu können, so dass wir jede Nacht sitzend und abwechselnd schlafen gingen», sagt er. Seine Mutter schaffte es, dass er freigelassen wurde, und Ephraim versuchte erneut, das Land zu verlassen. «Die Soldaten erwischten mich an der Grenze, schlugen mich schwer und schickten mich zurück ins Gefängnis. Die Verletzungen durch die Prügel wurden schlimmer. Ich fing an zu husten und konnte nicht schlafen, weil der Boden zu hart und schmerzhaft war. Ich erhielt keine medizinische Hilfe, bis es mir wirklich schlecht ging. An diesem Punkt wurde ich ins Spital geschickt. Ich wurde behandelt und dann ins Gefängnis zurückgeschickt», erklärt er. Schliesslich gelang es Ephraim bei seinem dritten Versuch, die Flüchtlingslager im Norden Äthiopiens zu erreichen.

Trotz dieser extremen Geschehnisse ist seine Geschichte nicht ungewöhnlich. Viele andere Eritreer haben ähnliche Qualen durchgemacht. Während Erfahrungen wie diese sicherlich körperliche Probleme verursachen können, sind die Folgen für die psychische Gesundheit weitaus komplexer zu erkennen und zu behandeln, und ihre Auswirkungen können verheerende Folgen haben. Um den eritreischen Flüchtlingen eine umfassende Gesundheitsversorgung zu bieten, startete MSF im Jahr 2015 ein Projekt für die Bevölkerung der Flüchtlingslager Hitsats und Shimelba. Mit rund 2300 Neuankömmlingen pro Monat sind Flüchtlingslager im Norden Äthiopiens eines der ersten Ziele für Eritreer, die ihr Land verlassen.

Robel Araya, der im Lager Hitsats als psychologischer Betreuer für MSF arbeitet, ist mit der Situation der eritreischen Flüchtlinge bestens vertraut. «Die meisten Menschen, die wir in den Lagern sehen, haben traumatisierende Erfahrungen durchgemacht. Eritrea zu verlassen ist gefährlich, und viele von ihnen haben es mehrmals versucht, bis sie es geschafft haben. Viele leiden unter Depressionen, Angstzuständen und posttraumatischen Belastungsstörungen im Zusammenhang mit Folter, Gewalt und Missbrauch. Diese Erkrankungen haben einen sehr negativen Einfluss auf ihr Leben. Unsere psychiatrischen Dienste können sie dabei unterstützen, wieder auf die Beine zu kommen», sagt er.

MSF bietet Beratung, stationäre und ambulante psychiatrische Betreuung und ein breites Spektrum an therapeutischen Aktivitäten, einschliesslich Therapiediskussionen und Psychoedukation, bei denen Patienten über ihre Beschwerden diskutieren und detaillierte Informationen über ihre Erkrankung und deren Behandlungen erhalten können. Die Erkenntnis, dass andere Menschen ähnliche Probleme haben, hilft ihnen, sich weniger isoliert zu fühlen.

Wie häufig in solchen Situationen gehören Kinder zu den anfälligsten Gruppen. «Etwa 40 Prozent der Lagerbevölkerung ist unter 18 Jahre alt. Die Hälfte von ihnen reist allein oder wurde von ihren Familien getrennt. Ihre Situation ist sehr heikel. Sie leiden häufig unter Trennungsangst und in einigen Fällen hatten sie schwierige oder verwirrende frühe sexuelle Erfahrungen. Hier gibt es Aktivitäten, die speziell auf sie zugeschnitten sind, wie Sport, Zeichnen und Theater, sowie spezialisierte Beratung», erklärt Robel Araya.

Die Bevölkerung in den Lagern wechselt ständig. Es wird geschätzt, dass etwa 80 Prozent der eritreischen Flüchtlinge innerhalb von 12 Monaten nach ihrer Ankunft in den äthiopischen Flüchtlingslagern über den Sudan und in Richtung Libyen weiterreisen werden. Die harten Lebensbedingungen in den Lagern, der Mangel an Zukunftsperspektiven, der Wunsch, sich mit Familienmitgliedern in anderen Ländern zu vereinigen, und das junge Durchschnittsalter scheinen zu dieser Tendenz wesentlich beizutragen.

«Unsere Aktivitäten müssen konstant sein, denn die Bevölkerung ändert sich ständig. Die wenigen, die langfristig bleiben, haben keine Mittel, um weiterzureisen. Wir haben auch mit Menschen gesprochen, die versucht haben, wegzugehen, aber im Sudan oder in Libyen erwischt wurden, wo sie schreckliche Dinge gesehen und erlebt haben und noch traumatisierter nach Äthiopien zurückgeschickt wurden», so Robel.

Eine der grössten Herausforderungen besteht darin, die Menschen davon zu überzeugen, Hilfe aufzusuchen. Die Angst, von der Gemeinschaft als «schwach» oder «verrückt» bezeichnet zu werden, hindert viele daran, sich zu melden. «Zuerst hatten wir Schwierigkeiten, mit Flüchtlingen über psychische Gesundheit zu sprechen. Deshalb haben wir beschlossen, «Community Mental Health Workers» (CMHWs) aus der Flüchtlingsgemeinde zu beauftragen, die von Tür zu Tür zu gehen und dabei die Menschen ihrer Kultur entsprechend über Themen der psychischen Gesundheit aufklären und Vorurteile abbauen», sagt er. Die CMHWs erklären im Detail, wie sich psychische Probleme äussern, dass eine Behandlung möglich ist und warum es wichtig ist, Hilfe zu suchen. Diese Treffen finden in der Regel mit einer ganzen Familie auf einmal und in ihrer Muttersprache statt. «Jetzt haben wir ein Team von 26 sehr motivierten CMHWs. Es hilft, dass viele von ihnen ehemalige Patienten von uns sind und die Vorteile der Beratung und Behandlung aus erster Hand erfahren haben. Als Eritreer wissen sie, wie sie das Thema mit dem Rest der Lagerbevölkerung richtig anzugehen haben. Ihr Engagement kommt daher, dass sie ihrer Gemeinde helfen wollen», erklärt Robel Araya.

Simon* ist einer von MSFs CMHWs im Flüchtlingslager Hitsats. Wie die anderen Mitglieder des Teams ist er ein eritreischer Flüchtling und ein ehemaliger Patient. «Als ich das erste Mal im Lager ankam, ging es mir nicht gut. Ich durchlebte immer wieder alle Einzelheiten, die ich beim ersten Versuch, die Grenze zu überschreiten, erlebt hatte, und auch die Zeit im Gefängnis, wie die Schüsse, die Folter und die Misshandlungen. Die Beratung hat mir wirklich geholfen, mein Leben wieder in Ordnung zu bringen, und mir wurde klar, dass ich damit anderen Menschen helfen konnte», sagt er. «Die Arbeit als Sozialarbeiter im MSF-Programm für psychische Gesundheit hier im Hitsats-Camp ist das Einzige, was mir Stabilität und Motivation gibt. Ein Ziel zu haben, hat mich davon abgelenkt, einen erneuten Weggang zu planen. Es hat mir auch geholfen, nicht zu viel darüber nachzudenken, dass ich meine Familie, meine Freunde und mein Zuhause vermisse. Viele Menschen hier leiden unter traumatischen und psychischen Problemen. Wenn ich sehe, dass sie dank meiner Unterstützung wieder gesund werden, habe ich das Gefühl, dass es sich lohnt, hier zu bleiben. Auch wenn ich es nicht geschafft habe, Krankenpfleger zu werden, wie ich es mir in Eritrea gewünscht hatte, kann ich immer noch Menschen helfen und das macht mich sehr glücklich», sagt Simon stolz.

Die Flüchtlingslager Hitsats und Shimelba nehmen rund 10‘000 bzw. 6000 Menschen auf. Dort bietet MSF jährlich rund 2800 Einzelberatungen und 3600 psychiatrische Beratungen an. Daneben bietet MSF primäre und sekundäre Gesundheitsdienste an. Dazu gehört eine rund um die Uhr geöffnete stationäre Klinik im Flüchtlingslager Hitsats, die MSF in Zusammenarbeit mit der Äthiopischen Verwaltungsbehörde für Flüchtlinge und Rückkehrende (ARRA) betreibt. Für Notfallpatienten werden Überweisungen in das nahe gelegene Spital in Shire organisiert. Auf Gemeindeebene werden auch Leistungen im Bereich reproduktive Gesundheit sowie HIV-Prävention angeboten.

* Name geändert

 

Photo credits: Gabriele François Casini/MSF