Rückkehr nach Mossul: Versteckte Sprengfallen und zerstörte Infrastruktur

Dienstag, 17. Oktober 2017 — Nach Jahren der Gewalt können die Bewohner Mossuls wieder nach Hause zurückkehren. Oftmals sind ihre alten Häuser jedoch unbewohnbar oder wurden mit Sprengfallen präpariert. Vor allem in West-Mossul ist die Zerstörung so gross, dass die zurückkehrenden Familien in teilweise oder komplett zerstörten Gebäuden leben müssen. Sie haben kaum Zugang zu sauberem Wasser, Strom oder medizinischer Versorgung.

„Was wir in unseren medizinischen Einrichtungen sehen, spiegelt die schlechten Lebensbedingungen wieder,“ sagt Myriam Burger, Projektkoordinatorin für Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF) in West-Mossul. Noch Anfang dieses Jahres fanden dort schwere Kämpfe zwischen dem sogenannten Islamischen Staat und irakischen Truppen statt. „Bis vor Kurzem hatten wir noch Patienten mit Kriegsverletzungen. Nun wo die Menschen wieder nach Hause zurückkehren, sehen wir vermehrt Darminfektionen, denn die Menschen trinken verunreinigtes Wasser. Ausserdem erleiden sie Lebensmittelvergiftungen, weil es an Strom und Gas fehlt, um Lebensmittel zu kühlen und zu kochen. Vor allem Kinder bekommen Hautausschläge, wegen der schlechten Hygiene oder weil sie im Abwasser neben kaputten Rohren spielen.“

Viele der zurückkehrenden Menschen wurden von Blindgängern und Sprengfallen verletzt und getötet. In den letzten Tagen wurden zwei Jugendliche bei dem Versuch getötet, eine Rakete zu bewegen, die sie in ihrem Wohnzimmer in West-Mossul vorfanden. In einem anderen Viertel starb ein kleines Mädchen, als es ein Spielzeug aufhob, das voller Sprengstoff war. Ihr grösserer Bruder wurde ebenfalls dabei verletzt. Die Familie war erst vor kurzem nach Hause zurückgekehrt.

Die medizinischen Teams von MSF behandeln auch zunehmend Patienten mit Skorpion- und Schlangenbisse, da die Häuser, in die die Menschen zurückkehren, kaputte Leitungen und Abwassertanks aufweisen. Einige Kinder wurden auch mit Verletzungen behandelt, nachdem sie auf herumliegende Beton- und Metalltrümmer gestürzt sind.

Nachdem so viele medizinische Einrichtungen noch zerstört, Strassen und Brücken beschädigt und unbenutzbar sind, ist der Zugang der Menschen zu Gesundheitseinrichtungen stark eingeschränkt. Jene Menschen, die eine medizinische Behandlung benötigen, sind oft gezwungen, ihre Fahrt zu den wenigen funktionierenden Einrichtungen zu verschieben, dadurch werden kleine medizinische Probleme zu ernsthaften lebensbedrohlichen Komplikationen. Gleichzeitig, kommen die wenigen funktionierenden Rettungswagen oft mit grossen Verzögerungen bei den Patienten an, da sie im Verkehr steckenbleiben oder lange Umwege machen müssen.

„Für viele Menschen erweist sich die lang ersehnte Rückkehr nach Hause als bitter, wenn sie mit dem verheerenden  Ausmass der Zerstörung und dem Elend konfrontiert sind“ erklärt Burger. „Die Menschen, die von der jahrelangen Gewalt im Irak sowieso schon ausgelaugt sind, haben somit mit zusätzlichen Problemen zu kämpfen.“

Trotz all dieser Schwierigkeiten beginnen die Geschäfte in Mossul langsam zu öffnen, auch in zur Hälfte zerstörten Gebäuden, und die Nachbarn arbeiten gemeinsam - Haus für Haus - am Wiederaufbau ihrer Viertel.

Das Spital von MSF in West-Mossul hat im Juni 2017 seine Tore geöffnet und dort Kriegschirurgie und Kaiserschnitte, Operationsnachbetreuungen, Mutter-Kind-Behandlungen, Notfallbehandlungen und Triage durchgeführt. Als die Kämpfe zu Ende waren, ging MSF vor allem zu Mutter-Kind-Behandlungen und Kinderheilkunde über.

Ansonsten ist MSF in Zummar, Qayyarah, Kirkuk, Dohuk, Tikrit, Sulaymayniyah, Diyala, Babylon und in den Vertriebenenlagern im Nordosten von Nineveh tätig.

Zur Wahrung seiner Unabhängigkeit nimmt MSF für seine Programme im Irak keine Regierungsgelder oder Gelder von internationalen Organisationen an. Die Hilfe wird nur mit Geld aus Privatspenden finanziert.