Sudan: Ärzte ohne Grenzen startet Nothilfe in Nord-Kordofan nahe der Frontlinie
Teams von Ärzte ohne Grenzen haben im Geflüchtetencamp von al-Obeid mit dem Aufbau neuer Wasser- und Sanitärinfrastruktur begonnen. Im Camp leben schätzungsweise 25'000 Menschen unter prekären Bedingungen. Das Risiko von Krankheitsausbrüchen ist hoch.
Die Region Kordofan ist eine der instabilsten und aktivsten Konfliktzonen im Sudan und für humanitäre Organisationen besonders schwer zugänglich. In Al-Mina Al-Muwahad, dem zentralen Geflüchtetencamp von al-Obeid in Nord-Kordofan, ist die Sanitärversorgung für die etwa 25'000 dort lebenden Menschen völlig unzureichend. Zeitweilig müssen sich 500 Menschen eine Latrine teilen. Auch sauberes Trinkwasser ist knapp: Pro Person stehen nur drei Liter pro Tag zur Verfügung. Dies erhöht das Risiko von Krankheitsausbrüchen erheblich, insbesondere Kinder, Schwangere und ältere Menschen sind gefährdet.
Teams von Ärzte ohne Grenzen installieren daher nun Wasserbehälter und bauen zusätzliche Latrinen. Zudem unterstützen sie die Krankheits- und Ernährungsüberwachung des Gesundheitsministeriums und koordinieren mit den lokalen Behörden die medizinische Versorgung im Camp sowie im Ausbildungsspital von al-Obeid.
«Viele der ursprünglichen Einwohner:innen von al-Obeid sind nicht mehr hier. Stattdessen beherbergt al-Obeid heute zehntausende Vertriebene, die zu verschiedenen Zeitpunkten des Krieges hier Zuflucht gesucht haben», sagt Al Tayeb Mahmoud Mahammed, Teamleiter von Ärzte ohne Grenzen in al-Obeid. «Da die Frontlinie weniger als 40 Kilometer entfernt ist, gelangen fast täglich neue Menschen in die Stadt. Die Menschen, die ankommen, sind zutiefst verängstigt, da die Kämpfe immer näher rücken. Dennoch fühlen sie sich hier sicherer als dort, wo sie hergekommen sind und Gewalt, Plünderungen und Schlägen ausgesetzt waren.»
Die derzeitige Hilfsaktion von Ärzte ohne Grenzen in al-Obeid ist das Ergebnis monatelanger Verhandlungen mit lokalen und bundesstaatlichen Behörden, um Zugang zur Stadt zu erhalten. Im Juli 2025 starteten wir eine Fernhilfeaktion, um das Gesundheitsministerium während eines Choleraausbruchs mit Schulungen und technischer Beratung zu unterstützen. Im September stellten wir bei einer vor Ort durchgeführten Einschätzung einen grossen humanitären Bedarf in der Bevölkerung sowie Fälle von Masern und Cholera fest.
«Da die Kämpfe weitergehen und die Zahl der Vertriebenen steigt, ist der humanitäre Bedarf im gesamten Sudan nach wie vor immens und wird grösstenteils nicht gedeckt», sagt Marta Cazorla, Leiterin der Projekte im Osten des Sudan. «Die jetzige Hilfe ist ein wichtiger Schritt, aber es wird dringend viel mehr benötigt.»
Laut der Internationalen Organisation für Migration wurden seit Beginn des Konflikts im Sudan am 15. April 2023 mehr als 15 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben, darunter 11.5 Millionen Binnenvertriebene im Sudan und etwa vier Millionen Menschen, die auf dem Höhepunkt der Krise über die Grenzen in Nachbarländer geflohen sind. Ärzte ohne Grenzen betreibt oder unterstützt 20 Spitäler und 16 Gesundheitszentren im Sudan. Die medizinischen Teams bieten chirurgische Versorgung, Wundversorgung, Physiotherapie, Geburtshilfe, Ernährungs- und Kinderheilkunde, allgemeine Gesundheitsversorgung, routinemässige und reaktive Impfkampagnen sowie psychologische Betreuung in acht der 18 Bundesstaaten des Landes an.
Yvonne Eckert