Syrien/Ost-Ghuta: Mindestens 770 Tote, mehr als 4050 Verletzte – Videoaufnahmen von zerstörter Geburtsklinik

Freitag, 2. März 2018 — Nach Berichten von Ärzten aus Ost-Ghuta sind seit Beginn der schweren Angriffe auf die von Rebellen kontrollierten Gebiete östlich von Damaskus innerhalb von zehn Tagen mindestens 770 Menschen getötet und 4050 verletzt worden. Diese Zahlen beziehen sich auf die Zeit vom 18. bis 27. Februar. Dabei handelt es sich um Todesfälle bzw. Patienten in 20 Gesundheitseinrichtungen in Ost-Ghuta, die von Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF) unterstützt werden. Die tatsächliche Zahl der in Ost-Ghuta Getöteten und Verletzten liegt höher, da das medizinische Personal der unterstützten Kliniken die Zahlen oft nur mit Verzögerung übermitteln kann, da es weitere Gesundheitseinrichtungen gibt, die nicht von MSF unterstützt werden, und da viele Menschen die Gesundheitseinrichtungen gar nicht erst erreichen. Viele der Toten und Verletzten sind Frauen und Kinder. Am vergangenen Freitag etwa waren die Hälfte der Patienten Frauen und Kinder. Die von MSF unterstützten Mediziner sind völlig überlastet und am Rande ihrer Kräfte.

Seit Beginn der schweren Angriffe sind 15 der 20 von MSF unterstützten Kliniken in Ost-Ghuta durch Luftangriffe oder Beschuss getroffen worden. Bei diesen Angriffen wurden drei von MSF unterstützte Mediziner getötet und acht verletzt. In den vergangenen Tagen wurde eine dieser Kliniken zum dritten Mal seit dem 18. Februar getroffen. Darüber hinaus gibt es Berichte über weitere beschädigte oder zerstörte Gesundheitseinrichtungen in Ost-Ghuta, die nicht von MSF unterstützt werden. Eine ambulante medizinische Versorgung existiert praktisch nicht mehr, weil viele der ambulanten Einrichtungen notdürftig zur akuten Behandlung von Kriegsverwundeten verwendet werden.

 

Unter folgendem Link finden Sie Videoaufnahmen einer Geburtsklinik, die am 23. Februar getroffen wurde (und die seit 2014 von MSF unterstützt wird): https://www.youtube.com/watch?v=qkX_BfpOTqA

Die Schilderung (und Tonaufnahme) einer Ärztin aus Ost-Ghuta vom 25. Februar finden Sie hier: https://www.aerzte-ohne-grenzen.de/syrien-ost-ghuta-audio-bericht-einer-aerztin

 

Die von den Vereinten Nationen geforderte 30-tägige Waffenruhe wird weiterhin nicht umgesetzt. MSF fordert von den Kriegsparteien:

  • Bombardierung und Beschuss sofort zu beenden oder zu unterbrechen, damit eine grundlegende medizinische Versorgung geleistet werden kann. Die vorgeschlagene – aber ebenfalls nicht umgesetzte – tägliche fünfstündige Feuerpause wird nicht ausreichen, um angesichts des Ausmasses der Gewalt, der langen Dauer der Belagerung und der langen Zeit ohne jeglichen Hilfskonvoi genügend medizinische und humanitäre Hilfsgüter nach Ost-Ghuta zu bringen.
  • Die Evakuierung von Patienten in kritischem Zustand zu ermöglichen.
  • Unabhängige medizinische Organisationen nach Ost-Ghuta zu lassen.
  • Lebenswichtige Medikamente und medizinisches Material nach Ost-Ghuta durchzulassen, um die massiven Versorgungslücken zu schliessen.
  • Sicherzustellen, dass Zivilisten auf beiden Seiten der Front nicht beschossen werden – und dies nicht nur während möglicher Feuerpausen, sondern generell.

MSF unterstützt derzeit 20 Gesundheitseinrichtungen in Ost-Ghuta. Darunter befinden sich 10 Einrichtungen, die vollständig und regelmässig und meist seit vielen Jahren von der Organisation unterstützt werden. Die 10 weiteren Einrichtungen kennt MSF gut, sie werden normalerweise durch andere Organisationen unterstützt, erhalten derzeit aber auch Notfallhilfe von MSF. MSF kann nicht mit eigenen Teams in Ost-Ghuta Hilfe leisten.

Im Norden Syriens betreibt MSF fünf Gesundheitseinrichtungen und drei mobile Kliniken und hat Partnerschaften mit fünf Einrichtungen. Aus der Ferne unterstützt die Organisation landesweit etwa 50 Gesundheitseinrichtungen in Regionen, in denen Mitarbeiter nicht direkt vor Ort sein können. Die Organisation ist nicht in Gebieten tätig, die vom Islamischen Staat kontrolliert werden, da es von dessen Führung keine Zusicherungen im Hinblick auf Sicherheit und Unparteilichkeit gegeben hat. MSF kann auch nicht in von der Regierung kontrollierten Gebieten arbeiten, da diese der Organisation bislang den Zugang verwehrt. Um die Unabhängigkeit zu gewährleisten, nimmt MSF keinerlei staatliche Unterstützung für die Arbeit in Syrien an.

Lukas Nef Communications Officer at Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF)