Unzumutbare humanitäre Situation an der neuen Grenze der Balkanroute

Unzumutbare humanitäre Situation an der neuen Grenze der Balkanroute

Dienstag, 21. August 2018 — Tausende Geflüchtete leben an zwei Orten entlang der bosnischen Grenzen zu Kroatien in Ruinen und provisorischen Zelten. Die humanitäre Situation ist unzumutbar. Die Menschen, die vor Konflikten und Armut aus Pakistan, Afghanistan, Syrien oder dem Irak flohen, stecken hier fest. Den Erwachsenen und unbegleiteten Kindern mangelt es an medizinischer Versorgung, Essen, Kleidung und mehr. Seit Juni 2018 betreibt Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF) eine mobile Klinik in der Region.

Mehr als 4’000 Migranten und Geflüchtete leben momentan in provisorischen Camps und an Orten entlang der bosnischen Grenzen zu Kroatien. Die Menschen kommen meist aus Camps und informellen Siedlungen in Serbien oder haben von Griechenland aus neue Routen durch Albanien und Montenegro gesucht. Das ist eine neue Situation für Bosnien. Noch im vergangenen Jahr war die Zahl der Menschen, die das Land als Teil der sogenannten Balkanroute durchqueren, äusserst gering. Und obwohl der Zustrom an Menschen seit Monaten ansteigt, sind die humanitären Bedingungen an den zwei grössten Sammlungspunkten entlang der Grenze weiterhin unzureichend.

Am Rande der Stadt Bihac leben beispielsweise circa 3’000 Menschen in einem verfallenen Betongebäude und dem dazu gehörenden Areal. In dem fünfstöckigen, ehemaligen Studentenwohnheim klaffen Löcher in den Wänden, wo eigentlich Fenster wären. Auf dem Boden sind Schlamm- und Regenpfützen. Zelte wurden in den Gängen aufgebaut und Laken hängen von der Decke in dem Versuch ein Mindestmass an Privatsphäre zu gewähren.

Etwa 1’000 weitere Menschen leben in Zelten und improvisierten Hütten direkt vor der nahegelegenen Stadt Velika Kladusa. Die Menschen haben die Hütten aus Planen und anderen gefundenen Materialien gebaut. Kleine Gräben wurden vor den Behausungen gezogen, um ein Überfluten bei heftigen Stürmen zu verhindern.

Klägliche Situation für die Menschen, schwerfällige Reaktion der Behörden

«Die Menschen haben nicht nur keinen Zugang zu medizinischer Versorgung, es fehlt sogar an Möglichkeiten, Grundbedürfnisse wie Essen, Unterkunft, Kleidung und Hygiene zu erfüllen», sagt Juan Matias Gil, MSF-Einsatzleiter für Serbien und Bosnien-Herzegowina. «Ein Mangel an koordinierter Planung und lediglich reaktive Massnahmen in Bosnien-Herzegowina haben zu den unzureichenden Bedingungen für Migranten und Geflüchteten geführt. Dadurch wird ihre Gesundheit ernsthaft gefährdet.»

MSF betreibt in Kooperation mit den lokalen medizinischen Behörden eine kleine mobile Klinik, um an beiden Orten den dringlichsten Gesundheitsanliegen nachkommen zu können. Komplexere Fälle werden an Gesundheitseinrichtungen in den nahe gelegenen Kanton Una-Sana überwiesen.

Winter auf der Balkanroute

«Der Winter kommt, und bislang hat es Monate gedauert, die wachsende Menge an Menschen auch nur mit den kleinsten grundlegenden Sachen zu versorgen. Wenn Massnahmen nicht rechtzeitig organisiert werden, könnte das mit Menschenleben bezahlt werden», sagt Matias Gil.

Während die Grenzen der Europäischen Union dichtgemacht wurden, waren bereits in den vergangenen Jahren Tausende bei eisigen Temperaturen gestrandet. MSF hat Menschen wegen Unterkühlung und Erfrierungen behandelt. In der MSF-Klinik in Belgrad wurden Menschen mit Atemwegserkrankungen behandelt, weil sie Plastik und andere Materialien verbrannten, um sich zu wärmen.

Neue Routen, alte Probleme: Zurückdrängung und Gewalt

Unabhängig von der Jahreszeit berichten Migranten und Asylsuchende, die versuchen, Serbiens nördliche Grenzen zu überwinden, den MSF-Teams regelmässig von Gewalt durch Grenzwachen. Die MSF-Teams haben zudem in den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres 24 Fälle von Verletzungen behandelt, die auf Gewalteinwirkung schliessen lassen und die den Patientinnen und Patienten nach eigener Aussage an der serbisch-kroatischen Grenze zugefügt wurden.

«Die Berichte von Gewalt und Pushbacks gegen Geflüchtete und Migranten auf der kroatischen Seite der Grenze sind alarmierend», sagt Matias Gil. «Dass sich die Situation ohne entschiedene politische Massnahmen für die gestrandeten Menschen in Bosnien-Herzegowina verbessern werde, sei nicht abzusehen. »